Freitag, 18. Juli 2014

Gedicht: Leerer Stoß Papier

Heut bin ich ein leerer Stoß Papier
heb mich auf, schreib auf mir!
laß mich deine Geschichten tragen
will sie allen Lesern sagen.

Alles was da vorher stand
war nichtig, wertlos, alter Tand!
Komm, schlag eine neue Seite auf
und schreib "ich liebe Dich" darauf.

Schreib mit dickem fetten Edding
die Überschrift "White Wedding"
dichte weiter, so kann es nicht bleiben
der Rest ist noch zu schreiben!

Heut bin ich ein leerer Stoß Papier
morgen ein volles Buch vor dir
füll mich aus, von jetzt auf immer
das Leben ist ein Lesezimmer!




©Weihe 2011

Renault 4

Dieser Tage feiert der Welt erster "Mini-Van", der Renault 4, seinen 50. Geburtstag. Ein Auto, an das ich mich noch sehr gut erinnere. Häßlich, bescheiden, aber ungemein praktisch und robust. Und mit einem revolutionären Verbrauch von 5 Litern auf 100 Km, und das 1961, wenn auch bei entsprechend begrenzten Fahrleistungen. Ohne Fly-by-wire-Technik, Windkanal, NASA-Baumaterialien und Computersimulationen. Und da denke ich wieder an Heute. Wir fordern von der Industrie Verbrauchswunder, weil man will ja umweltfreundlich sein. Diese gab und gibt es auch, jedoch verschwinden sie meist nach kurzer Zeit vom Markt, weil niemand sie kauft. Als wäre der Umwelt mit der lauthals dahingeworfenen Forderung nach dem reinen Angebot gedient. 
Nein, in Wahrheit will kaum einer von uns auf Fahrzeuge mit dem Output eines mittleren Düsenjägers verzichten. Und genau darin liegt die Crux, die sich durch unsere ganze Umweltthematik zieht: Bio gern, auch gern für 10% Mehrkosten, aber bitte bloß keine Abstriche an der Lebensqualität! Wir fordern lauthals und kaufen sollen dann bitteschön die anderen! Die Nachbarn, die Chinesen, die fetten Politiker, aber nur nicht ich! Wir polemisieren über ein Tempo 120 auf deutschen Autobahnen, der Renault 4 hat nur 120 geschafft. Vielleicht sollte uns dieses bescheidenste aller Autos als Denkanstoß dienen. 

Veröffentlicht 09/2011 

Massage

"Dieses Massagegerät ist fast so gut wie eine echte Masseurin." 

"Achja? Und inwiefern das?"

"Die Bedienungsanleitung ist auf Thailändisch."

Schwanengesang

Des Öfteren hänge ich mir interessant scheinende Artikel aus der ZEIT am schwarzen Brett unserer Cafeteria aus. Zuletzt hing dort ein Artikel über das mißlungene Comeback von Amy Winehouse. Es ging um die Tendenz und Ursache gescheiterter Comeback-Versuche allgemein. Winehouses verpatzter Auftritt in Belgrad, bei dem sie jüngst noch über die Bühne torkelte. Es fiel der Hinweis, daß manche, wie Michael Jackson es schon gar nicht mehr lebend auf die Bühne geschafft hätten. 
Weil er schon einige Zeit hing, habe ich am Freitag diesen Artikel heruntergenommen und in den Müll geschmissen. Am Samstag darauf war sie tot. Natürlich hat es nichts miteinander zu tun, aber irgendwie habe ich ein seltsames Gefühl der Ernüchterung dabei. 

Veröffentlicht 07/2004

Sonntag, 15. Juni 2014

Gedicht: Bonjour Tristesse

Heute bin ich unglücklich
nicht schlimm, lass mich einfach mal drin baden
den ganzen Weltschmerz auf mich laden
 

Reihum geht der dunkle Kelch
heut bin ichs halt, die ihn trägt
bis Tristesse wen anderes erschlägt
 

Krieche unter meine Kuscheldecke
doch keine Angst, dass ich mich nicht erhol
gibt keine Spannung ohne Minuspol
 

Heute bin ich unglücklich
und lass mich hängen, das mag sein
doch hinter Hängen, morgen, winkt der Sonnenschein


©Weihe 2011

Mutti

Heute spazierte ich auf dem Hof an einem LKW der "Mutti"-Spedition aus Italien vorbei. Am Steuer, hinter der geöffneten Fahrertür, saß der Fahrer und aß sein Pausenbrot. Ein durchaus gutaussehender Kerl, mit südländischem Einschlag, recht stattlich gewachsen, wohl ein Italiener. Er sah so selbstsicher und irgendwie heldenhaft hinter dem Volant seines gewaltigen MAN aus. Wenn dieser arme stolze Mann nur wüßte, was man hierzulande unter "Mutti" versteht, hätte er sein Pausenbrot sicherlich in einer einsameren Ecke verzehrt.

e-book

Mein e-book hat selbstverständlich eine Datums- und Zeitanzeige, im Lesemodus ist sie jedoch konsequent nicht eingeblendet. Es mag sein, daß das e-book als Totengräber des "klassischen" Buches verdammt wird ( ist das eigentlich auch so gewesen, als das "klassische" Buch den Papyrus abgelöst hat? Und der Papyrus die Keilschrifttafeln? ). Dieses Detail beweist aber immerhin, daß es von Leuten designed wurde, die Bücher und Lesen lieben, und nicht von Desigern modischen Elektronik-Schnickschnacks.
Getreu dem Ausspruch Ezra Pounds: "Lesen, indes der weiße Flügelschlag der Zeit uns streift; ist das nicht Seligkeit?"